«erinnern für morgen» und «Fürsorge und Zwang»

2026

Webplattform für Schulen und Lern-App

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein griffen staatliche Behörden in der Schweiz mit sogenannten fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen tief in das Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein. Menschen wurden administrativ versorgt, fremdplatziert, in Anstalten eingewiesen oder zwangssterilisiert. Dies oft ohne Gerichtsurteil und unter dem Vorwand der Fürsorge. Was heute als schweres historisches Unrecht anerkannt ist, prägte das Leben hunderttausender Betroffener und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Erst in den vergangenen Jahren wurden die historischen Mechanismen, institutionellen Verantwortlichkeiten und individuellen Folgen intensiv untersucht. Zentrale Impulse lieferten die Unabhängige Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgungen sowie das Nationale Forschungsprogramm 76 «Fürsorge und Zwang», das 2024 abgeschlossen wurde. Damit lag erstmals eine breite wissenschaftliche Grundlage vor, die das Ausmass des Unrechts und seine langfristigen Auswirkungen sichtbar machte.

Vor diesem Hintergrund lancierte das Bundesamt für Justiz (BJ) das Programm «erinnern für morgen». Es baut auf den Ergebnissen der wissenschaftlichen Aufarbeitung auf und verfolgt ein klares Ziel: Das Wissen über die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen soll nicht in Fachkreisen verbleiben, sondern zu Allgemeinwissen werden und insbesondere nachfolgenden Generationen vermittelt werden. Erinnern wird dabei nicht als Rückblick verstanden, sondern als aktiver Prozess, der Orientierung für Gegenwart und Zukunft bietet. 

Das Programm bündelt unterschiedliche Vermittlungsformate. Eine thematische Webplattform, eine nationale Wanderausstellung, Veranstaltungen, Publikationen und auch digitale Bildungsangebote. Ein zentrales Element ist die webbasierte Lern‑App «Fürsorge und Zwang», die in drei Landessprachen (d-f-i) verfügbar ist und speziell für den Einsatz in der Schule entwickelt wurde. An der Entwicklung waren die drei Pädagogischen Hochschulen PH-Luzern, PH-Waadt und die SUPSI beteiligt.  Die App ist kostenlos und es ist keine Registrierung notwendig. Sie richtet sich an Jugendliche ab der Sekundarstufe I und macht Geschichte über biografische Erzählungen von Betroffenen, historische Quellen und didaktisch aufbereitete Aufgaben erfahrbar. 

Begleitet wird dieser Bildungsbereich unter anderem durch Nick Zenzünen, Geschichtsdidaktiker und Mandatsträger im Programm «erinnern für morgen». Sein Auftrag ist es, die Lern‑App und die Inhalte des Programms gezielt in Bildungszusammenhänge zu tragen. In die Ausbildung von Lehrpersonen, in Weiterbildungen, aber auch in kirchliche Bildungsangebote und zivilgesellschaftliche Lernräume. „Geschichte wird verständlich, wenn sie Gesichter bekommt“, sagt Zenzünen. „Die persönlichen Geschichten der Betroffenen ermöglichen es, strukturelles Unrecht zu begreifen und darüber ins Nachdenken zu kommen.“

Dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung. Fragen nach Verantwortung, Menschenwürde, institutionellem Handeln und moralischer Orientierung stehen im Zentrum. Genau hier setzt die Idee von «erinnern für morgen» an: Das Erinnern an vergangenes Unrecht soll helfen, heutiges Handeln kritisch zu reflektieren und sensibel für Macht, Ausgrenzung und gesellschaftliche Normen zu bleiben. Ziel ist es, tragfähige Strukturen aufzubauen, damit die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sichtbar, zugänglich und relevant bleibt. 

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